
©PROKINO Filmverleih
Sie ist dick, ungebildet, misshandelt von der Mutter, vergewaltigt vom Vater und hat im Alter von 16 Jahren zwei Kinder. Sozusagen ist Precious (gespielt von der Oscar nominierten Gaboury Sidibe) das vom Schicksal getroffene Anti-Bild eines SocietymÀdchens.
Der Film, basierend auf der Novelle ‘Push’ von Sapphire, ist bewegend und keinesfalls ein Film, der sich der typischen Hollywood-Klischees bedient. Umso schwer verdaulicher war er fĂŒr mich und lieĂ mich mit einem schlechten GefĂŒhl in der Bauchgegend den Kinosaal verlassen.
Precious (dt. ‘kostbar’) erhielt ihren Namen, weil ihre Mutter sie als Baby neben sich im Bett auf ein Kissen legte, das mit diesen Buchstaben bestickt war. Es war das Kissen, auf dem sie als DreijĂ€hrige das erste Mal vom Vater missbraucht wurde. Inzestuöse Vergewaltigungen ziehen sich durch ihr ganzes Leben. Wegen der Kinder, die sie gebĂ€hrt, erhĂ€lt sie Neid und Hass von der Mutter (Oscar Gewinnerin Mo’nique), die ihre eigene Tochter als Konkurrentin in ihrer Beziehung wahrnimmt.
Mit den tĂ€glichen Beschimpfungen wie “Du bist dumm”, “Du bist ein verdammtes StĂŒck ScheiĂe”, beginnt Precious ihren Tag und muss ihn so ĂŒber sich ergehen lassen, bis sie abends in ihr Bett geht. In der Schule mangelt es ihr an Konzentration und durch ihre zweite Schwangerschaft ist sie gezwungen, die Schule zu wechseln. Wie sich herausstellt: ein GlĂŒcksfall. Es ist eine Art Förderschule. Dort erfĂ€hrt sie durch ihre Lehrerin und die MitschĂŒler zum ersten Mal in ihrem Leben, was wirkliche Liebe ist und wird darin bestĂ€rkt, dass sie einen Wert hat. NĂ€mlich den der MenschenwĂŒrde.
Dennoch zieht sich der Konflikt mit ihrer Mutter durch den gesamten Film und ich als Zuschauer konnte nur zu sehen, was das junge MĂ€dchen ĂŒber sich ergehen lassen muss. Manches Mal musste ich wegschauen oder tief schlucken, denn ihre Geschichte ist die reinste Perversion. Ihre Rolle wird zu der einer starken, allein erziehenden Mutter, die sich dank der Begegnungen mit groĂartigen Menschen von allem frei macht.
Unvorstellbar, dass sich heute noch tag tĂ€glich solche Dinge ereignen. Erst recht in unserer westlichen Welt. Denn Hand auf’s Herz: Wir hören jeden Tag schreckliche Nachrichten von Kindesmissbrauch bis hin zu MĂŒttern, die in staatlich geförderten Einrichtungen Hilfe suchen, und dennoch wissen wir nicht, wie es in ihnen aussieht und vor allem, wie sie an diesen Punkt gekommen sind. Meist sind wir voreingenommen von deren Leben.
Wir können froh sein, wenn Erzieherinnen, Lehrer und Klinikpersonal trotz der zunehmend wachsenden StressbewĂ€ltigung ihre Augen und Ohren offen halten, um Schicksale wie die von Precious wahrzunehmen und aufzudecken. Dank weiterer sozialer Einrichtungen besteht heute die Möglichkeit, solchen Menschen zu helfen. Leider jedoch ist das nicht der Quell solcher Tragödien. Denn es liegt an uns selbst, jeden Tag zu einem besseren werden zu lassen, um bestimmte Werte und Normen aufrecht zu halten. Ob es der Tonfall ist, den wir gegenseitig anschlagen, der alten Dame den Platz frei machen, der krebskranken Nachbarin den Einkauf erledigen, mehr PlĂ€tze fĂŒr Integrationskinder schaffen, Petitionen unterschreiben oder einfach nur mal LĂ€cheln… jede einzelne Tat zĂ€hlt.
Wer nun denkt, auf was fĂŒr einen Trip ich gekommen sein mag, der sollte sich den Film anschauen.
FĂŒr diejenigen unter Euch, die nun weitere Lust bekommen haben, sich mit den wirklich essentiellen Fragen des Lebens auseinander zu setzen, denen kann ich nur das Blog von Beate Wedekind empfehlen. Wie passend, dass sie erst gestern zu Kindern & mitunter zu Kindesmissbrauch ihre Gedanken verfasst und damit DenkanstöĂe gegeben hat. DarĂŒber hinaus setzt sie Links zu BeitrĂ€gen, die sich sehr lohnen zu lesen.
Als weitere Lesetipps habe ich noch zwei BĂŒcher:
Das Erste habe ich auf LesMads entdeckt.Julia hat “Eat, Pray, Love” von Elizabeth Gilbert so gut beschrieben, dass ich es mir glatt kaufen musste. Ich bin zwar noch nicht ganz durch, dennoch kann ich es schon jetzt empfehlen. Besonders wenn man sich an einem gefĂŒhlten Scheidepunkt im Leben befindet.
Das Zweite ist “Eine neue Erde” von Weltverbesserer Eckhart Tolle. Wer dieses Buch gelesen hat, wird die Kleinigkeiten des Alltags wieder entdecken.
Photo: ©PROKINO Filmverleih
Video: via YouTube.com / PreciousFilm
Danke fĂŒr den Tip, hört sich wirklich interessant an. Vielleicht garnicht so schlecht, wenn gerade “wir Fashion People” mal wieder auf den Boden kommen und uns Gedanken machen – ĂŒber wirklich wichtige Dinge.