LD im Gespräch mit Nea Gumprecht

27.07.2010 | Peter | Kommentieren

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© Nea Gumprecht / Selfportrait

Es war, als würden wir beisammen sitzen. In einem Café in Alesund. Dabei war es Nacht. Sie in Rom und ich in Frankfurt. Und ich hoffe, sie bald irgendwann und irgendwo zu treffen. Eine faszinierende Person mit großartigen Arbeiten.

LD: Nea, Du bist aus Berlin und lebst derzeit in Rom, nicht wahr? Wie kam es dazu?

Nea: Ja, im Moment lebe ich in Rom, um hier einige Vorbereitungen für eine Mappe zu treffen, mit welcher ich mich Ende des Jahres für Fotografie in meiner Heimatstadt Leipzig an der Hochschule für Grafik und Buchkunst bewerben möchte. Ebenso in Hamburg und Wien. Ich habe ein literarisches Thema gewählt, welches sich mit einer zum Teil in Rom spielenden Geschichte Ingeborg Bachmanns beschäftigt: “Das dreißigste Jahr”.

LD: Um was handelt das Stück?

Nea: Ein Mann, der aus seinem bisherigen Leben in einer Ohnmacht erwacht und nicht weiß woher und wohin, sich Hals über Kopf entscheidet, nach Rom zu gehen und sich dort von Kopf bis Fuß verliebt.

LD: (lacht) Die Geschichte klingt sehr vertraut!! Aber meine Anekdoten will ich mal lieber hinten anstehen lassen. Mich würde interessieren, was Dich an der Geschichte fesselt. Hast Du so etwas schon mal erlebt?

Nea: Nein, ich denke nicht, dafür bin ich noch nicht lange genug am Leben. Was mich beeindruckt, ist die unglaublich schöne Art und Weise, wie sie erzählt wird. Oftmals erinnert sie mich an einige Szenen aus dem Film “A Single Man” von Tom Ford.

LD: Deine Arbeiten werden dann sicherlich auf Deiner Website zu finden sein. Dort hast Du jeder einzelnen Fotostrecke einen Titel zugeordnet, wie z.B. “I Am You” oder “Der Elfte Psalm”. Sind es Geschichten aus Deinem Leben oder Geschichten aus einem Buch, die dich inspiriert haben?

Nea: Ich würde sagen beides. Mich haben jeweilige Tage und Zeiten aus meinem Leben inspiriert, einen Text oder eine Überschrift für sie zu finden und diese dann mit den zeitlich dazugehörigen Fotografien, in eine Verbindung zu bringen.

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© Nea Gumprecht / aus “Der Elfte Psalm”

LD: Wie kann ich mir das differenziert vorstellen? Siehst Du zuerst das Motiv und assozierst damit eine Geschichte oder knippst Du einfach drauf los, weil Du jenem Moment etwas Spezielles abgewinnst?

Nea: Wenn ich etwas inszeniere, dann habe ich erst einen bestimmten Text vor mir oder einen Gedanken, um dann ein Bild entstehen lassen zu können. Im Moment inszeniere ich auch nicht. Die Mehrzahl der Fotografien passieren wirklich und haben mit meinem stattfindenden Leben zu tun. Anfangs jedoch versuchte ich sehr oft, Passagen aus verschieden Songs zu fotografieren und nachzustellen. Später das gleiche mit Lyrik .

LD: Welche Fotografien lösen heute noch starke Gefühle in Dir? Oder anders gefragt: Bei welcher Arbeit warst Du am Traurigsten und bei welcher am Glücklichsten?

Nea: Ich habe mich vor Kurzem mit einem Freund darüber unterhalten und feststellen müssen, dass ich jetzt noch nicht sagen kann oder möchte, was ich mit meiner Fotografie versuche aufzuzeigen, was ich fühlte oder fühle, ob ich traurig oder fröhlich war. Ich denke, diese Fähigkeit und den Mut, den man aufbringen muss, um sich zu erklären, ist bei mir noch in einer Entwicklung und wird irgendwann sehr jäh aus mir heraus wollen.

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© Nea Gumprecht / aus “Gauner und Ganoven”

LD: Du hast gesagt, dass Deine Bilder derzeit Momentaufnahmen sind. Welche Momente erlebst Du in Rom?

Nea: Ich bin noch am Ankommen, habe aber schon einige Filmrollen fotografiert. Hier in der Wohnung und auf der wunderschönen Dachterrasse. An Rom wage ich mich noch nicht so recht heran. An diese Schönheit. Es ist unglaublich! Ich habe mich schon einige Male verlaufen. Egal wo man sich wieder findet, es ist so unwirklich bezaubernd. Außerdem nehmen sich die Italiener hier gern’ zwei Wochen Zeit, um einen Film zu entwickeln.

LD: Man verläuft sich nicht nur auf den Straßen, sondern auch so manches mal im Leben und glaub mir, davon kann ich ein Lied singen! Verlaufen, finden, eines bleibt jedoch immer: Die Heimat! Ich bin auf Dich aufmerksam geworden, weil ich Dich über einen Freund bei Facebook entdeckte. Einmal fragte ich ihn etwas zu einem Video, das er mit Worten von Max Frisch “Heimat ist der Mensch, dessen Wesen wir vernehmen und erreichen” kommentiert hatte. Er antwortete mir: “Es ist interessant, dass Du zu diesem Zitat im gleichem Atemzug auch Nea nennst. Ich habe bei diesen Zeilen an Nea gedacht. Denn sie ist meine Heimat.” Prägt Dich dieser gemeinsame Freund sehr?

Nea: Er ist Ich und Ich bin Er. Deshalb habe ich ihm unter anderem auch die Fotoserien “I Am You” und “Without You I’m Nothing and Everything” gewidmet. Letztere entstand durch einen Streit zwischen uns und diente zur Versöhnung. Er prägt mich nicht nur; er ist auch meine liebste Muse.

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© Nea Gumprecht / aus “I am You”

LD: Hast Du manchmal Angst davor, dass auch Du einmal vom berüchtigten Künstlersyndrom der kreativen Leere eingeholt wirst, dass sozusagen die kreative Ader ihr Blut verlieren könnte?

Nea: Nein. Sicher habe ich auch jetzt schon Tage, an denen ich meine Arbeiten nicht mag und unbedeutend finde. Weiss aber, dass das was passiert in meinem Leben und vor allem die Freude auf mein Leben gar kein Platz lässt für Zeiten ohne Kamera. Dennoch bin ich mir sicher, dass ich irgendwann auch andere Sachen machen möchte. Film zum Beispiel. Ich habe genügend Blut.

LD: Diese Antwort strotzt geradezu vor Energie und Lebenslust. Welche Orte würdest Du noch gerne bereisen? Und warum?

Nea: Am Liebsten möchte ich jene Orte nicht bereisen, sondern bewohnen!! Ich möchte sehr oft hier und da leben, wenn es möglich ist. Im Moment wäre das die Stadt Alesund, welche in dem wunderschönen, gleichnamigen Song von “Sun Kil Moon” besungen wird.

LD: Schöne, wenn auch nachdenkliche Melodien. Welches Foto siehst Du beim Hören in Gedanken?

Nea: Fotos aus Alesund. Jemanden, mit dem ich vor Ort bin. In einem kleinen Restaurant. Ein Schnappschuss.

LD: Wie gerne würde ich mit Dir dort sitzen und über das Leben philosophieren oder mich einfach nur weiter unterhalten. Eben habe ich mich zum Beispiel gefragt: Bist Du eine Suchende oder jemand, der auf das Leben trifft. Und?

Nea: Letzteres. Obwohl ich mich manchmal beim Suchen ertappe. Dann suche ich nach verloren gegangen Sachen, die sich nicht wiederfinden lassen.

LD: So ähnlich wie in der Fotostrecke “There’s No Finding”?

Nea: In dieser Serie geht es wenig um mich selbst.

LD: Worum geht es?

Nea: Um einen Besuch in San Francisco. Es hat sehr viel mit den Personen am Tisch zu tun und deren privater Geschichte.

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© Nea Gumprecht / aus “There’s No Finding”

LD: Wenn Du Dir eine Frage stellen wollen würdest, von der Du denkst, die Antwort muss doch irgend jemanden interessieren, welche Frage wäre es?

Nea: Eine typische Frage wäre “Wie kommst Du zur Fotografie?”

LD: Und? Wie bist Du dazu gekommen?

Nea: Ich muss sagen, dass ich viele Dinge ausprobierte und in der Vergangenheit nicht fortsetzte. Die Fotografie behielt mich.

LD: Welches Gefühl umgibt Dich, wenn Du eine Kamera in Deinen Händen hälst?

Nea: Das Gefühl, welches mich dazu brachte, sie in die Hände zu nehmen. Es ist immerzu so rum. Nicht umgekehrt.

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© Nea Gumprecht / aus “There’s No Finding”

LD: Welches Foto existiert in Deinen Gedanken und noch nicht auf der Filmrolle?

Nea: Das Foto, das die Reihe eröffnet. Die Geschichte, über die wir zu Beginn sprachen.

LD: Liebe Nea, vielen Dank für die Zeit, die Du Dir genommen hast. Für Deine Mappe großartige Begegnungen. Ich bin mir sicher, wir werden noch sehr viel von Dir hören… und vor allem sehen!

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1 Kommentar zu “LD im Gespräch mit Nea Gumprecht”

  1. Julia sagt:

    Great blog!:-) Nice pics!:-)

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